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Kunst als Wissenschaft – Wissenschaft als Kunst
Das Projekt "Kunst als Wissenschaft - Wissenschaft als Kunst" stellt Künstler vor, die neue Beziehungen zwischen Kunst und Wissenschaft in ihrem Werk thematisieren. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert muß die Kunst, will sie noch Ernst genommen werden, das Programm der Moderne, das zu einem ‚L'art pour l'art der Befreiung geworden ist, hinter sich lassen. "In dem Moment, wo sich Kunst in ihrer Autonomiebewegung als Reflexionsprozeß restlos auf sich selbst bezieht, erlischt das allgemeine Interesse. Zum anderen geht auch die Chance verloren, irgendeiner Zukunft etwas mitzuteilen." (Durs Grünbein)

Während Künstler wissenschaftliche Methoden anwenden, spekulieren und experimentieren die Naturwissenschaftler, formulieren riskante Hypothesen und gehen wieder von einer lebendigen und beseelten Natur aus, die die mechanistische Revolution verworfen hatte. Im Sinne der spekulativen Physik der Romantik wird die Natur wieder als etwas Sich-selbst-Organisierendes gesehen, gesteuert allerdings nicht von einer Weltseele, sondern von einem universalen Gravitationsfeld. Unbestimmtheit, Spontaneität und Kreativität sind die neuen gemeinsamen Stichworte.

Der erweiterte Kunst- und Wissenschaftsbegriff von Joseph Beuys z.B. weist der Kunst und Wissenschaft ein gemeinsames Arbeitsfeld jenseits eines mechanistischen Denkens zu. Er spricht bereits von der Wiederkehr einer "lebendigen und beseelten Natur", lange bevor Naturwissenschaftler wie z. B. der englische Biologe Rupert Sheldrake diese Einsicht in ihren Forschungen wissenschaftlich begründen konnten. (Die Wiedergeburt der Natur. Eine neue Weltsicht).

Das Projekt "Kunst als Wissenschaft" stellt außerdem die Frage, ob die Kooperation von Wissenschaften und Künsten, die mit der Kunst- und Wunderkammer, dem theatrum naturae et artis im Sammeln, Anschauen und Visualisieren begann, heute definitiv im Unanschaulichen endet. Gibt es den "epistemologischen Bruch" zwischen dem Blick durchs Fernglas und der mathematischen Konstruktion? Der Zweifel an der Wahrnehmungssouveränität, am eigenen "Augenmaß" begleitet die Moderne. Über instrumentelle Krücken (Weltraumteleskope, Elektronenmikroskope etc.) haben wir unsere eigene Dimension verlassen und sind in Welten jenseits unseres anthropologischen Erfahrungshorizontes eingedrungen, die wir nicht mehr in Augenschein nehmen, nicht mehr begreifen können.

Diese Komplexität und Relativität unserer Wahrnehmungen sind eine Herausforderung an Künstler und Philosophen als Spezialisten für die bildliche und gedankliche Welterkenntnis. Wassily Kandinsky schreibt 1913: "Das Zerfallen des Atoms war in meiner Seele dem Zerfall der ganzen Welt gleich. Plötzlich fielen die dicksten Mauern. Alles wurde unsicher, wackelig und weich [...]." Im Sinne der theosophischen Lehre von Rudolf Steiner sah er in der Atomphysik nicht die Öffnung der Büchse der Pandora, sondern die Überwindung der Vorherrschaft materieller Gesinnung mit ihrer Bewunderung der Industrie und des technischen Fortschritts. Statt Beherrschung der Natur durch Naturwissenschaft und Technik suchte Kandinsky die Versöhnung und Übereinstimmung mit ihren Kräften. In der Tradition der romantischen Moderne glaubte er fortan an die Möglichkeit einer gefühlsmäßigen Vereinigung des Menschen mit der Natur und dem Kosmos über die Kunst. Die sinnlichen Augen und Ohren sollen zu Geistesaugen und Geistesohren werden. Der Maler Gerhard Richter dagegen hat die Skepsis, daß wir an diese Wirklichkeit "nicht herankommen" zum Prinzip seiner Kunst gemacht. Gegenüber einem auf Fortschritt und Rationalität fixierten "wissenschaftlichen Sozialismus" prägte seine Orientierung auf eine eher konservative Anthropologie seine nüchterne Einstellung zur Kunst. Der Mensch ist von Natur aus künstlich! Die Natur ist nicht natürlich, sie ist weder gut noch moralisch. Alle guten Eigenschaften und ästhetischen Qualitäten haben wir selbst auf sie projiziert. Die Vorstellungen von einer inneren Logik und Weisheit des großen Bauplanes der Schöpfung sind das Produkt einer menschlichen Schwäche für Sinnstiftung. Claus Koch plädiert in seiner Streitschrift "Ende der Natürlichkeit" für ein radikal selbstbestimmtes Leben mit Hilfe der Biotechnik. Er polemisiert gegen konservative Moralwächter wie rotgrüne Puristen, Feministen und Apostel einer "natürlichen" und gesunden Lebensführung gleichermaßen und warnt vor den Gefahren einer Moral, "der das Unerträglichste am menschlichen Genduplikat die Anmaßung des Schöpfungsaktes als eine Wiederholung ist, welche mit der Herstellung von Kopien die Idee der Evolution verhöhnte und der invisible hand das Geschäft von Selektion und Differenzierung wegnähme."

Viele Künstler operieren an der 'borderline' zwischen Faszination, Erschrecken und Kritik am Umgang mit den Möglichkeiten der Biotechnik. "Man entdeckt, daß das, was den Menschen möglich macht, ein Ensemble von Strukturen ist, die er zwar denken und beschreiben kann, deren Subjekt, deren souveränes Bewußtsein er jedoch nicht ist." (Michel Foucault) Welche Konsequenzen haben die Erkenntnisse der Biowissenschaften, insbesondere in der Gentechnologie und der Neurologie, für das Selbstbild des Menschen? Keine Institution, keine Lehre, keine Ideologie, keine Philosophie, keine Religion kann uns den Weg in die Zukunft weisen. Nur wir selbst können entscheiden, ob es für uns sinnvoll ist, als Cyborgs durch die Gegend zu laufen. Die Kunst stellt uns Fragen nach dem Sinn der technischen Möglichkeiten, ohne sie beantworten zu können. Kunst konkurriert nicht mit den Wissenschaften. Angesichts der Wissenschaftseuphorie, die zu einem Religionsersatz zu werden droht, stellt sie die Frage nach unserem Selbstverständnis: welche Wünsche, Ansprüche, Vorstellungen haben wir vom Leben. Was ist Glück?

Nicht nur die Rolle der Institutionen, die Moral und Ethik verwalten, hat sich relativiert, auch die der Künstler hat sich gewandelt. Die Selbststilisierung und Legendenbildung als Vordenker, Ingenieur der Seele, Seismograph, Mahner, Warner, Prophet ist unglaubwürdig geworden, da auch Künstler als Teilnehmer am Projekt der Moderne benutzt wurden bzw. sich mitschuldig gemacht haben an den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts. Ihre Aufgabe ist die ständige Diskussion verschiedener Modelle und Hypothesen. Sie bewegt sich im Raum der Ambivalenzen und Analogien. Neben Skepsis ist auch Bescheidenheit angesagt. Nicht Zukunftsgewißheit, sondern Möglichkeitssinn (Robert Musil), die Bereitstellung von Szenarien und "Denkbildern" (Walter Benjamin) zur Lösung anstehender Probleme werden heute von der Kunst erwartet. Künstler und Wissenschaftler könnten wieder über ihre Fähigkeit zur "imaginatio", als schöpferisches Grundvermögen zur Beobachtung der Naturphänomene über das Sichtbare hinaus, gemeinsame Anschauungsfelder eröffnen, "Versuchsanordnungen" (so der Titel vieler Kunstwerke der letzten Jahre) bereitstellen und damit zur Selbstverständigung der Gesellschaft beitragen. Nicht der Künstler, sondern der Betrachter muß die Antworten finden.

Das Projekt "Kunst als Wissenschaft - Wissenschaft als Kunst" wird durch das gleichnamige Symposium, das im Rahmen des Wissenschaftssommers 2001 stattfindet, prologisch eröffnet. Es wird fortgesetzt durch die vom Berliner Zentrum für Literaturforschung initiierte Reihe WissensKünste. In Vorbereitung ist außerdem eine Einzelausstellung mit dem in New York lebenden englischen Künstler Paul Etienne Lincoln. Sein vorläufiges Finale findet das Projekt in der großen Kunst - und Wissenschaftsausstellung 2004.



 
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