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Bilder jenseits des Bildes
 
Teil 2 der Veranstaltungsreihe WissensKünste in Kooperation mit dem Hamburger Bahnhof


Das Bild, seine Theorie und Geschichte stehen wie kaum ein anderer Gegenstand seit geraumer Zeit im Zentrum eines interdisziplinären kulturwissenschaftlichen Interesses, - bis hin zu den Versuchen zur Etablierung einer nicht fachgebundenen Bildwissenschaft (an der Kunsthistoriker wie Horst Bredekamp, Hans Belting und Gottfried Boehm, aber auch Philosophen wie Günter Abel beteiligt sind): „Eine umfassende Arbeit am Bild hat begonnen.“ (Boehm).

Spätestens seit dem iconic oder pictorial turn kommt dem Bild eine erneute Aufmerksamkeit zu. Dabei hat die Analyse der vielfältigen Bedingungen und Strukturen von Bildbedeutungen im Kontext medien- und kulturwissenschaftlicher Studien zum Abbau eines naiven Verständnisses davon, was ein Bild sei und was es zu leisten vermag, geführt. Da Bilder nahezu den gesamten (historischen) Prozeß der europäischen Zivilisation begleitet haben, werden sie zunehmend auch als Quellen und Zeugnisse historischer Betrachtungen und Analysen anerkannt (Frances Haskell). In jüngster Zeit ist diese Aufwertung der Bilder auch für die Geschichte des Wissens und der Wissenschaften wirksam geworden, in der Analyse sowohl des in Bildern repräsentierten Wissens als auch der bildlichen Repräsentation von Wissen (z.B. Galison, Stafford, Lenoir, Breidbach). Dabei konzentriert sich das Interesse über die ästhetische und ikonographische Dimension von Bildern hinaus auf dessen Bedeutung und Funktion in den Wissenschaften, auf das Bild in seiner Darstellungs- und Visualisierungsfunktion und auf das Bild als Erkenntnismodell und –medium.
Im Zuge dieser Entwicklung aber hat sich nicht nur gezeigt, daß verschiedene Disziplinen sich im Interesse am Bild treffen, sondern darin sind auch sehr unterschiedliche Weisen im Umgang mit Bildern, sind fachwissenschaftlich sehr differente Bildbegriffe und Methoden der Bildbetrachtung sowie die Situierung von Bildern in verschiedenen Diskursen und Kontexten deutlich geworden. Aufgrund der unterschiedlichen erkenntnistheoretischen und methodischen Voraussetzungen für die Frage nach Begriff und Wirkungsweise von Bildern in ästhetischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontexten sind dabei nicht nur die disparatesten Thesen, Deutungen und Vorschläge entwickelt worden, in denen der Bildbegriff – ähnlich wie der der Kultur – jegliche Konturen zu verlieren droht. Daneben sind auch umfangreiche Studien entstanden, die gleichsam die Herkunft und die gesamte Geschichte von Bildern zu erfassen suchen. In dieser Situation wird es darauf ankommen, die interdisziplinären Zugänge zum Bild in präzisen Fokussierungen der Fragestellung voranzubringen.

Dieses neue Interesse am Bild wird dabei durch eine – nur scheinbar paradoxe - Konstellation konturiert. Während in der Kultur und Wissenschaft von einem pictorial turn die Rede ist, wird in der Kunst eher von einem Ausstieg aus dem Bild gesprochen. Beide Bewegungen treffen sich aber in einem Fluchtpunkt: den Bildern jenseits des Bildes. Denn einerseits ist der pictorial turn mit einem mediengeschichtlichen Umbruch (mit der Dominanz digitaler und technischer Bilder und den neuen bildgebenden Verfahren der Wissenschaften) verbunden, so daß der betreffende turn eben andere Darstellungsverfahren hervorbringt als die konventionellen ikonischen und indexikalischen Bilder: Verfahren, die teils an ältere Figuren und Schemata vor der Trennung von Text und Bild und an Traditionen von Schriftbildlichkeit und Bilderschrift erinnern. Zum anderen führt der viel zitierte ‚Ausstieg aus dem Bild‘ durch die Medienkunst viel eher zu einem Bildraum, in dem Fragen nach der Möglichkeit der Gestaltung eines Bildes innerhalb eines realen dreidimensionalen Raumes verfolgt werden können. Bilder sind nicht mehr nur als zweidimensionale künstlerische Werke zu verstehen, sondern unterliegen heute einer Prozessualität, die sie in den dreidimensionalen Raum überführen, deren Bedeutung aber bislang für die ästhetische Theorie kaum untersucht wurde. Denn die Vorstellungen von Bildlichkeit innerhalb der Diskussionen der ästhetischen Theorie sind nach wie vor weitgehend durch die aus den traditionellen Bildmedien hervorgegangenen Auffassungen geprägt, die sie im Verhältnis zur Realität als eine Abbildbeziehung verstehen, in der sie den Status der Repräsentation einnimmt.

Gilt für die Kunst der Moderne generell, daß sich die Erscheinungsweise von Bildern - bsp. durch Abstraktion, Ready Mades, Bildobjekte, Performances, Assemblages, Mixed Media und Environments - stark verändert hat, sind insbesondere für die Beschreibung von Medienbildern traditionelle Vorstellungen des Bildbegriffs keine adäquaten Bezugsgrößen mehr; mehr noch, diese unterlaufen konsequent jedes medienästhetisch differenzierte Bildverständnis, das Bildern eine Teilhabe an medialen Bestimmungen zuspricht. Eine Annäherung an die Geschichte und die Spezifika der Bilder kann also nur durch eine parallel geführte Annäherung an die Medien erfolgen. Die Trägermedien bilden dabei jedoch nicht nur die Techniken der Bilder, sondern ebenso jene der Wahrnehmung. Bilder müssen also in der Folge „im Modus (ihres) Erscheinens“ wahrgenommen werden. Innerhalb medialer Prozesse beanspruchen sie eine Form der Autonomie, die das tradierte Abbildverhältnis aufgibt, zugunsten einer Dynamisierung dieser Struktur. Es zeigt sich, daß in den aktuellen Debatten der Bildbegriff im Hinblick auf Multimedia-Installationen, die sowohl im künstlerischen wie im wissenschaftlichen Bereich zum Einsatz kommen, noch kaum analysiert wurde, wobei sich jedoch gerade in diesen künstlerischen Medien der Bildbegriff an der Frage der Repräsentation schärfen läßt. Insofern muß der skizzierte Zusammenhang im Hinblick auf die medienspezifischen Bedingungen befragt werden, die ein Bild allererst erzeugen, d.h. auf die Voraussetzungen der Konstruktionen für Sichtbarkeit.

Gilt für ein Bild im Sinne seines Repräsentationscharakters generell, daß es dem Nachzuahmenden gegenüber gleichzeitig ähnlich und unähnlich sein sollte, d.h. daß es, um Bild zu bleiben, keineswegs alle Elemente des Darzustellenden schlicht wiederholen kann, so ist die Form der Differenz konstitutiv. In diesem Sinne verweisen Bilder nicht nur auf etwas, sondern sie zeigen sich allererst auch selbst. Mit den Neuen Medien ist ein grundlegender Wandel über die Bedeutung des Bildes eingetreten, derart, daß das, was ein Bild leisten kann, in einem untrennbaren Zusammenhang mit dem „Wesen des Sehens“ zu untersuchen ist.
Auch die Frage nach den Visualisierungstechniken der Wissenschaft erlangt eine brisante Aktualität durch die Entwicklung der jüngsten Medien- und Informationssysteme und die zunehmende ‚Piktorialisierung‘ der Wissenschaft. Hypertexte, Virtuelle Realität und Mind Maps zeigen deutlich die Leistungsgrenze der wissenschaftlich habitualisierten, narrativen Sequentialisierung. Es gilt hier, Wahrnehmungs-, Darstellungs- und Erkenntnisweisen zu untersuchen, die durch die neuen Techniken hervorgebracht werden. Zu fragen ist nach den kulturellen und subkulturellen Wahrnehmungsunterschieden von Text und Bild ebenso wie von Abstraktions– und Darstellungstrategien.

Die Frage nach der Bedeutung von Bildern läßt sich also nur dann konkretisieren, wenn man die Frage nach dem jeweils spezifischen Bild stellt, d.h. das Bild muß im Wechselverhältnis zu seinen Funktionen für Visualität, Diskurs, Wissen, Gedächtnis, Institution, Apparat gedacht werden, ebenso wie die Bedingungen untersucht werden müssen, die allererst ein Bild erzeugen, d.h. die Voraussetzungen für die Generierung, Sichtbarkeit und Figurativität von Darstellungen. In diesem Sinne stehen also die genuinen und produktiven Leistungen des Bildes selbst im Mittelpunkt der Diskussion.


Anknüpfend an die erste Reihe der „WissensKünste“, die von Oktober 2001 bis Juli 2002 unter dem Titel „LifeSciences – Kunst – Medien“ stattfand, soll mit der neuen Veranstaltung die Frage nach den neuen Bildern in Form eines Dialogs zwischen Wissenschaftlern/Theoretikern und Künstlern verfolgt werden. In diesem Dialog sollen die Künstler und ihre Arbeiten nicht Gegenstand der Analyse oder Interpretation von Wissenschaftlern sein, vielmehr gehen die eigenen Erkenntnisweisen künstlerischer Arbeiten in die Frage nach dem Bild gleichberechtigt ein. Das heißt, es werden ganz explizit auch die künstlerischen Forschungsansätze thematisiert.

Durch die Form des Dialogs können sich im Schnittpunkt, in den Überlegerungen und Verdichtungen, aber auch in den Ungleichzeitigkeiten, Gegensätzen und manchmal auch in den blinden Flecken oder Lücken zwischen beiden Beiträgen Aspekte der Fragestellung erhellen, die im wissenschaftlichen Gespräch oder in der diskursiven Erörterung allein nicht thematisiert werden. Da sich die skizzierten Veränderungen der Bilder sowohl im Spannungsfeld zwischen Geistes- und Natur-/ Technikwissenschaften als auch an der Schwelle zwischen Kunst und Wissenschaft ereignen, sollen bei jeder Veranstaltung und für jeden thematischen Aspekt jeweils drei Positionen vertreten sein: Humanities, Sciences und Kunst.

Der Blick der Veranstaltungsreihe gilt dabei zum einen der erkenntnisleitenden Rolle, die Bilder in der durch technische Medien bestimmten Wahrnehmung einnehmen. Dies ist eine Fragestellungen, die u.a. auch im Kontext verschiedener Forschungsprojekte am Zentrum für Literaturforschung steht, die sich einer Befragung der ‚zwei Kulturen‘ widmen und mit exemplarischen Konstellationen und Figuren im Zwischen- und Überschneidungsfeld von Natur- und Kulturwissenschaften auseinandersetzen. Für derartige wissenschaftsgeschichtliche Perspektive stellt die Analyse von Wissensbildern und Bilderwissen eine wichtige Voraussetzung dar.
In diesem Sinne stehen also die genuinen und produktiven Leistungen der Bilder selbst im Mittelpunkt der vorgestellten Veranstaltungsreihe „Bilder jenseits des Bildes“.

Diese Aspekte werden an fünf Abenden unter folgenden Themen erörtert:

Do 06.11.03 - Der Ausstieg aus dem Bild

Fr 07.11.03 - Das Wissen der Bilder

Do 11.12.03 - Bilder des Wissens

Do 08.01.04 - Art and Science

Do 05.02.04 - Das lebende Bild

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